Sprache unter Covid-19

(Ein Fragment aus der Zeit des Lockdowns, vermutlich Frühjahr/Sommer 2020)

Manchmal frage ich mich, ob die Sprache in Folge von Covid-19 nicht degenerieren wird, ob nicht die Sprache vielleicht den größten Schaden von dieser Pandemie nimmt. Nehmen wir zum Beispiel folgende -im Normalfall– völlig normale Fragen:

Wo trifft man Dich normalerweise?
Antwort: Zuhause.

Wo isst du am liebsten?
Antwort: Zuhause.

Wo triffst du am liebsten Deine Freunde?
Antwort: Oh! Wir haben einen eigenen Club eröffnet, um uns zu meeten: Er heißt “Zoomlandia” … Okay, das gilt vermutlich nicht. Also geben wir’s ruhig zu: Zuhause.

Machst Du Sport?
Antwort: Ja, zuhause halt, wo denn sonst! Wenn ich schon Angst habe im Park zu joggen!! Soll ich das etwa nachts machen? Oder mit Maske und vor Sauerstoffmangel umkippen? Und dann? Dann hilft mir keiner auf. Keiner macht Mund-zu.Mund-Beatmung. Keiner fasst mich auch nur an. Alle würden wegrennen. Das wäre es dann gewesen. Voll ungesund in diesen Zeiten Sport zu machen. Deshalb die Yogamatte aus dem Keller geholt und jeden Morgen Gymnastik gegen den Knochenrost. Bloß ohne die heißen Aerobic-Lehrerinnen im Fernseher. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf…

Hast du Hobbys?
Antwort: Ich hatte welche, ja: Vernissagen aufsuchen und soviel kostenlosen Wein trinken, bis ich nicht mehr geradeaus gehen konnte. Dann als Hangover-Kur am Folgetag mit einem Bier ins Kino. Einfach mal in den Flieger steigen und nach Rom fliegen. Rausgehen und irgendwo was essen. Rausgehen und irgendwas einkaufen um die Langeweile zu vertreiben. Rausgehen und gucken, ob man ein bekanntes Gesicht trifft. Rausgehen und einem minderwertigen Philosophen oder Autoren zuhören, wie er oder sie aus dem Werk vorliest. Rausgehen und sich an den nächstbesten Tresen lehnen, solange bis sich der Tresen weich wie ein Busen anfühlt. Oder einfach rausgehen und genervt nachhause kommen, weil man draußen nichts oder niemanden gefunden hat. Aber ich schweife ab. Mein einziges Hobby ist mittlerweile kurz und ehrlich dies: zuhause sein!

Gehst du gerne ins Kino?
Antwort: Ja, unbedingt. Ich liebe Kino, so sehr, dass ich eigentlich den ganzen Tag im Kino verbringe. Man nennt es “Heimkino”! Voll cool! Es ist wie früher ein buntes Gemisch aus Nachrichten, Propaganda, Wetterberichten, Krankenhausserien, Aufklärungsfilmchen und Autorenfilmen, manchmal auch Industriefilmen zur Unterhaltung. Es ist eine geniale Erfindung! Man braucht nichts anderes mehr. Ich schwör’ auf die Götter des Kinos!

Was bedeutet dir dein Zuhause?
Antwort: Ein Wort: Alles.

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